Napoleon

Napoleon und Italien

Napoleon und Italien

Der Krieg zwischen Frankreich und Österreich wurde mit wechselndem Erfolg vor allem am Rhein ausgetragen. Savoyen und Nizza wurden schon 1793 besetzt und nach dem Prinzip der natürlichen Grenzen von Frankreich annektiert. Aber erst 1796 konnte der junge, aus Korsika stammende General Napoleon Bonaparte die Regierung in Paris davon überzeugen, den Krieg und die Revolution nach Italien zu bringen und so Österreich in seinem unangefochtenen Machtbereich anzugreifen. Der Feldzug Napoleons begann im März 1796. Im April zwang er Savoyen-Piemont zum Waffenstillstand und machte das Land zu seiner Operationsbasis. Am 10. Mai schlug er die Österreicher bei Lodi und gewann so die Lombardei. Die Österreicher zogen sich in die Festung Mantua zurück, die Napoleon belagerte. Vier österreichische Entsatzheere wurden geschlagen, Parma und der Kirchenstaat unterwarfen sich, und am 7. Febr. 1797 musste Mantua kapitulieren. Napoleon erzwang das Ende der patrizischen Regierung in Venedig und die Abdankung des letzten Dogen, und Österreich konnte nur noch Südtirol und die „Alpenfestung“ verteidigen. Er schloss mit dem Papst den Frieden von Tolentino, mit dem dieser auf seine französischen Besitzungen um Avignon und auf die Emilia Romagna verzichtete und römische Kunstwerke als Kriegsbeute für den Louvre in Paris abgeben musste. Mit dem Vorfrieden von Loeben im April und dem endgültigen Frieden von Campo Formio im Oktober 1797 erreichte Napoleon das Ende des seit 1792 dauernden ersten Koalitionskrieges und die Anerkennung der französischen Erfolge durch Österreich. Dazu gehörte die Rheingrenze am Rhein, die Abtretung der österreichischen Niederlande an Frankreich, die Schaffung von drei französischen Satellitenstaaten in Norditalien, einer Cisalpinischen Republik aus der Lombardei und Mantua, einer Ligurischen Republik um Genua und einer Cispadanischen Republik um Parma. Die Toskana blieb österreichische Sekundogenitur, und Österreich erhielt als Kompensation Venetien und Istrien. Die Verfassungen der neuen Republiken wurden von Frankreich diktiert und entsprachen der Direktorialverfassung von 1795. Die neue französische bürgerliche Rechtsordnung wurde komplett übernommen, mit Verzicht auf alle feudalen und adligen Privilegien. Der gesamte Kirchenbesitz wurde verstaatlicht und verkauft. Das Wahlrecht für erwachsene Männer war an Besitz gebunden. Es wurden aber gar keine Wahlen abgehalten, weil Napoleon die neuen Verantwortlichen alle selber aussuchte und ernannte. Dabei flossen viele Bestechungsgelder. Die neuen Regierungen wurden auch zu umfangreichen Zahlungen an Frankreich als Dank für die Befreiung verdonnert.

1798 erzwangen die französischen Besatzer die Flucht Karl Emanuels IV. von Turin nach Sardinien. Piemont wurde nicht der Cisalpinischen Republik zugeordnet, sondern blieb einfach besetztes Gebiet und Etappe für die Armee. Gleichzeitig versuchte Maria Caroline von Neapel aus, Rom und den Kirchenstaat den Franzosen abzunehmen. Im Gegenzug vertrieb im Januar 1799 ein von vielen freudig begrüßtes französisches Heer die bourbonische Dynastie aus Neapel. Im März 1799 begann der zweite Koalitionskrieg. Frankreich besetzte die Toskana, aber die mit Österreich verbündeten Russen zogen mit einem Heer unter Suworow über die Alpen und schlugen zusammen mit den Österreichern die Franzosen an der Adda. Die Cisalpinische Republik brach zusammen. Ein zweites französisches Heer wurde in Mittelitalien an der Trebbia von Suworow vernichtend geschlagen, ein drittes im August von den Österreichern bei Novi Ligure. Damit brach die neue Ordnung überall zusammen. Reaktionäre Regierungen wurden eingesetzt, die Reformmaßnahmen zurückgenommen, überall begann die Jagd auf Franzosenfreunde und Liberale, in Neapel kehrten Maria Caroline und der Polizeistaat zurück mit über hundert Hinrichtungen von „Märtyrern“ nach Urteilen von Sondergerichten. Die Herrschaft Österreichs über Italien war wiederhergestellt. Napoleon, der mit seinem ägyptischen Abenteuer zu der neuen Lage mit beigetragen hatte, verließ sein Kommando in Ägypten und machte sich am 9. November 1799 zum Ersten Konsul (die Beziehung auf das antike Rom wurde in Italien wohlwollend zur Kenntnis genommen) und übernahm wieder den Oberbefehl in Italien. Russland war wegen Differenzen mit Österreich aus dem Krieg ausgeschieden. Mit einer neuen Armee überquerte Napoleon im Mai 1800 den Großen St. Bernhard und schlug am 14. Juni die Österreicher entscheidend bei Marengo. Nach dem großen Sieg Moreaus bei Hohenlinden in Bayern über die Österreicher kam es im Februar 1801 zum Frieden von Lunéville, der den von Campo Formio bestätigte und das nördliche Italien einschließlich der Toskana in das neue napoleonische Europa eingliederte. Nur der reduzierte Kirchenstaat und Neapel blieben vorläufig unabhängig. Die Cisalpinische Republik wurde vergrößert und 1802 in Repubblica Italiana umbenannt, Napoleon wurde ihr Präsident.

Napoleon machte sich 1804 zum Kaiser. Piemont, Ligurien-Genua und Rom waren direkt an Frankreich angegliedert, Norditalien war ein eigenes Königreich, das Regno d’Italia mit Napoleon als König und Eugene de Beauharnais als Vizekönig. In Neapel regierte seit dem Sieg von Austerlitz und dem Frieden von Preßburg im Dezember 1805 Napoleons Bruder Joseph und seit 1808 sein Schwager Joachim Murat. Für alle Gebiete galt die Übernahme der französischen Gesetze, vor allem des Code Napoléon, und damit die Abschaffung aller kirchlichen und feudalen Privilegien. Der italienische Vertreter Napoleons im späteren Regno war Francesco Melzi d’Eril aus der Mailänder Schule des aufgeklärten Absolutismus, der in diesem Sinn als guter Administrator weiterwirkte. Eine demokratische Beteiligung gab es nicht.

Die Herrschaft Napoleons bedeutete für Italien den Bruch mit der österreichischen Fremdherrschaft, die Überwindung der feudalen Ordnungen und der mittelalterlichen Kleinstaaterei und den Abbau der kirchlichen Sonderstellung. Eine neue bürgerliche Rechstsordnung für ganz Italien wurde durchgesetzt. In Frankreich ist das Kaisertum wesentlich Vollendung und Vollstreckung der Revolution, in Italien bringt erst Napoleon die Revolution und setzt sie durch. In Frankreich macht das aufstrebende Bürgertum den Umsturz, in Italien ersteht erst durch den Umsturz ein aufstrebendes, aufgeklärtes und selbstbewusstes Bürgertum. Bei den Franzosen geht das gespannte politische Interesse, der unbefriedigte Staats- und Machtwille der Revolution voraus, bei den Italienern wird erst durch die napoleonische Revolution von oben und außen das innerliche, politische Interesse, der Staats- und Machtwille geweckt. In den Köpfen der Franzosen ist die Revolution schon fertig, ehe sie sich in die Wirklichkeit umsetzt, in Italien werden zuerst die revolutionären Einrichtungen geschaffen , und dann erst setzt sich auch in den Köpfen der revolutionäre Geist dieser Einrichtungen durch, dann erst ersteht in dem neu geschaffenen Beamtentum und Heer und weiterhin im erstarkten Bürgertum und in einem großen Teil des Adels eine politisch denkende Schicht mit einem aufgeklärten und freiheitlichen politischen Willen.     (Otto Vossler, zitiert bei Seidlmayer, S. 359)

 Das neue Italien war kein Fortschritt in nationaler Emanzipation, es wurde von außen nach den Bedürfnissen der napoleonischen Politik umgestaltet und geführt und musste Material, Geld und Soldaten für die Kriege Napoleons stellen. Italienische Truppen, bis zu 300 000 Mann, kämpften in Spanien wie in Russland, und die Verluste waren hoch. Trotzdem war in Italien die Abneigung gegen die Herrschaft Napoleons nicht so stark und nicht so „national“ wie in Deutschland. Das lag zum Teil an der langen italienischen Erfahrung mit Fremdherrschaft, zum Teil auch an der „lateinischen“ Solidarität, auf die sich Napoleon (als Korse war er eine Mischung aus Frankreich und Italien) auch in den politischen Formen als Konsul und Kaiser und mit Rom als zweiter Hauptstadt berief. Als Marie-Louise von Österreich Napoleon 1811 einen Sohn gebar, wurde er als Erbe unverzüglich zum König von Rom ernannt.

Vortrag in deutscher Sprache von Dr. Hansjörg Frommer, DIG Karlsruhe, am 8. April 2022

Eintritt frei – Spenden erbeten

zurück / indietro